Die Honschaft "Geistenbeck"

Der heutige Stadtteil Geistenbeck bestand ursprünglich aus den vier Honschaften Geistenbeck, Kohr, Stappe und Reststrauch, die von Sumpf, Bruch und Wald umgeben waren und nur durch schmale Wege verbunden waren.

 

 
In dem Worte Geistenbeck ist zweifellos das Wort beeck = Bach enthalten. Die beiden ersten Silben können als Geest erklärt werden, eine niederdeutsche Bezeichnung für ein hochgelegnes, trockenes, meist unfruchtbares Gelände. Diese Erklärung wird auch der geologischen Beschaffenheit von Geistenbeck gerecht. In der Niederung fließt noch heute der Papierbach; der höher gelegene Teil um Geistenbecker Straße ist die ursprüngliche Honschaft Geistenbeck. Die heutige Kohrstraße ist die alte Honschaft Kohr. Mit diesem Ausdruck bezeichnete man eine von Sumpf und Wasser umgebene Ansiedlung. Unter Stappe verstand man ein treppenförmiges zu einem Wasserlauf, hier dem Papierbach, abfallendes Gelände. Mittelpunkt der Honschaft Stappe war der Bereich Stapper Weg/Schroffstraße. Der Reststrauch ist wohl als eine mit Gebüsch und Strauchwerk zu erklärende Stelle. Hier rasteten die Fuhrleute mit ihren Pferden, ehe sie den steilen Anstieg Richtung Rheydt nahmen. In das alte Bild der Landschaft passen auch die Bezeichnungen Schroffstraße und Am Schomm hinein. Schroff bedeutet unfruchtbares und unbebautes Gelände. Die gleiche Bedeutung hat das Wort Schomm.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte auch für Geistenbeck eine starke industrielle Entwicklung; mit ihr setzte eine rege Bautätigkeit ein. So entstanden ganz neue Straßen wie Steinsstraße, Steinfelder Straße und Luisental. Durch die Bebauung der vorhandenen Straßen wurden die vier alten Honschaften miteinander verbunden, und so entstand der heutige Stadtteil Geistenbeck.

 

 

 

Geistenbeck war eine der uralten zehn Honschaften der Herrschaft Odenkirchen. Im Jahre 1659 bestand Geistenbeck aus 19 Häusern. Auch in dieser Zeit mussten die Bewohner schon Steuern an die Herrschaft Odenkirchen bezahlen, den sogenannten “Geistenbecker Zehendt“ (der zehnte Teil). Im Jahre 1579 betrug der Geistenbecker Zehendt 24 Malter Roggen, 24 Malter Hafer, 3 Goldgulden, 11 Taler & 4 Gänse. Hinzu kamen noch Gerste und Federn, wo die Mengenangaben nicht mehr gedeutet werden können. Eine weitere Belastung für die Bewohner der Honschaft war der Erbschatz, eine Art Grundsteuer. Je nach Größe und Ertrag des gepachteten Grundstückes waren hier Abgaben an die Herrschaft Odenkirchen zu entrichten. Einer der größten Höfe in Geistenbeck war der sogenannte Vogthof. Aus den Angaben der Ländereien ist zu schließen, dass er an der Ecke Schroffstraße – Stapper Weg lag, wo noch bis vor ca. 30 Jahren ein Bauernhof stand. Diese Ländereien waren an mehrere Personen verpachtet, die als Erbschatz Hafer, Roggen, Hühnereier und Butter abgeben mussten.
   
   
Gerichtstag

Seit uralten Zeiten tagte in Geistenbeck das Odenkirchener Vogt- und Hochgeding, auch Herrengeding genannt. Während das Scheffengericht in Odenkirchen mehr die persönlichen Angelegenheiten wie Kauf- und Pachtverträge der Einwohner regelte, befasste sich das Geistenbecker Vogtgeding mit den die Allgemeinheit betreffenden Vergehen und Übertretungen. In Geistenbeck wurden Buschfrevel, Diebstahl oder Schlägerei abgeurteilt. Es gab keine Berufungsinstanz. Es wurde auch Fahrgeding genannt, weil bei dieser Gelegenheit der Fahrzins entrichtet wurde, eine Steuer, bei deren Versäumnis die Gefahr schwerer Bestrafung drohte. Das Geistenbecker Vogtgericht fand im Mittelalter dreimal im Jahre statt, seit 1538 nur einmal jährlich und zwar am zweiten Montag nach dem Feste der hl. Dreikönige. Weil es ohne besondere Bekanntmachung stattfand, wurde es auch “Ungebotten geding“ genannt. Auf dem Herrengeding wurde das Weistum mit den Grenzen der Herrschaft verlesen und die Bewohner wurden an ihre Pflichten gegenüber der Herrschaft erinnert. Das Gericht fand abwechselnd in einem Haus der Geistenbecker Vogtleute statt. Wegen der kalten Jahreszeit durfte der Hausherr aus dem herrschaftlichen Wald eine Pferdefuhre Holz zum Einheizen der Stube holen. Der Odenkirchener Vogt stiftete als Labetrank eine Tonne Bier, die bis zum Rande gefüllt sein musste, und zwar so, dass „eine fliege ungebucket darauff sitzendt darauß drinken konne“. Dem Vogte, dem Vertreter des Landherren musste ein Sessel mit einem Federkissen gestellt werden. Nach beendetem Gericht wurden dem Vogt zwei frische, gebratene Hühnereier, ein paar Weißbrote und Bier vorgesetzt. Den Vogtleuten wurden ein gebackenes Brot, Schinken und Bratwurst gereicht, welches nach eigenem Ermessen auch an die Armen ausgeteilt werden konnte. Bis in die jüngste Zeit hinein nannte man die Stelle an der uralten Linde auf der Steinfelder Straße gegenüber dem früheren Feuerwehrhaus „am Gereiht“. Man darf davon ausgehen, dass die 1966 gefällte Linde eine ca. 400 Jahre alte Gerichtslinde war.

 

 

Papiermühle im Kohr

Eine besondere Stellung oblag im Mittelalter dem Müller. An einem durch Geistenbeck zur Niers hinfließenden Bach lag am Kohr eine Papiermühle, die diesem Bach den Namen Papierbach gegeben hat. Sie wird zum ersten Mal in den Akten des Hauses Odenkirchen vom Jahre 1764/65 erwähnt. Der Papier-Müller Greven erhielt für an das Haus Odenkirchen geliefertes Papier 106 Reichstaler, 45 Stüber. Dieser Ausgabeposten wiederholt sich von da an in jeder Rechnung. An Erbpacht waren 50 Reichstaler und zwei Rhinnen bestes Papier á 1 Reichstaler, 30 Stüber zu zahlen. Die Mühle lag in der unteren Gerberstraße, wo später die Lederfabrik Brand entstand und heute ein Autohaus ansässig ist. Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Mühle eingegangen
   
   
Von der fränkischen Honschaft ins Heute

Die Zeiten haben sich gewandelt. Von der Romantik und Gemütlichkeit einer fränkischen Honschaft ist nach der Schaffung von Bebauungsplänen, Durchgangs- und Umgehungsstraßen heute nicht mehr viel zu sehen. Nur das geschulte Auge erkennt noch die Struktur von ehemals vier Honschaften im heutigen Geistenbeck. Alle Wälder, Brüche und Sümpfe, die Geistenbeck einst umschlossen, sind verschwunden. Trotzdem ist es auch heute noch schön, hier zu wohnen und zu leben, da das heutige Geistenbeck durch die hier aktiven Menschen und Vereine fortlebt.
    



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